Archive for the ‘Film’ Category

“Kriegerin” - ein Film für Schule und Unterricht?

Sonntag, Februar 5th, 2012

Am 15. Januar konnte ich den Film „Kriegerin“ in einer Preview im Rahmen einer Infoveranstaltung zu den Bayerischen Schulkinowochen sehen. Was mich morgens um 11.00 Uhr allerdings erwartete, hat mich anfangs schockiert.

Zugegeben kein guter Film für eine Matinee-Vorstellung. Dennoch aber ein fesselnder Film, der mich bis zum heutigen Tag beschäftigt. Der Streifen wird nicht zu Unrecht mit dem Vermerk „Bester deutscher Film seit Jahren“ (Rolling Stone). Und: Nur selten überschlägt sich das gesamte publizistische Feuilleton mit positiven Rezensionen.

Der Plot könnte angesichts aktueller Ereignisse (NSU, Braune Zelle Zwickau etc.) nicht wuchtiger sein: „Marisa ist Anfang 20, Neonazi und rast durch ihre Welt wie ein offenes Rasiermesser. Sie ist aggressiv und schlägt zu, wenn ihr jemand dumm kommt. Sie hasst Ausländer, Politiker, den Kapitalismus, die Polizei und alle anderen, denen sie die Schuld daran gibt, dass ihr Freund Sandro im Knast sitzt und dass alles um sie herum den Bach runter geht: Ihr Leben, ihre Stadt, das Land und die ganze Welt. Dieser Sommer hält noch mehr Ärger für Marisa parat: Die bürgerliche Svenja (15) drängt in Marisas Clique und der afghanische Flüchtling, Rasul (14) sucht sich ausgerechnet ihren Badesee zum Schwimmen aus. Als die Welten der Drei aufeinander prallen, setzt sich eine Kette von Ereignissen in Gang, die ihr Leben auf den Kopf stellt.“ (vgl. die Skizze der Rahmenhandlung auf Facebook).

Durch meine Referententätigkeiten für die Landeskoordinierungsstelle Bayern gegen Rechtsextremismus beim Bayerischen Jugendring habe ich oftmals gemerkt, dass man die „Erlebniswelt Rechtsextremismus“ nicht immer in all ihren Facetten vermitteln kann. „Kriegerin“ schafft das, auch trotz kleiner dramaturgischer Schwächen (s. unten). Grund genug, den Film mit Schülern der 10. Klassen anzusehen und auf seine „Zeigbarkeit“ in Schulkinovorstellungen zu untersuchen.

Die 85 Schüler, die mit meinen Kollegen und mir angesehen haben, waren der Meinung, dass es sich auf jeden Fall lohnt, mit diesem Film in der Schule auseinanderzusetzen. Der Empfehlung von FSK (ab 12 Jahren) und Filmverleih (ab 9. Klasse) wollten Sie dabei jedoch nicht folgen - und zwar nicht wegen der sehr expliziten Gewalt- und Sexszenen. Aus ihrer Sicht braucht es eine intensive inhaltliche Vorbereitung, um den Film in seiner Tiefe überhaupt verstehen zu können. So wurden im Sozialkundeunterricht im Vorfeld bereits Grund- und Menschenrechte und Herausforderungen unserer Demokratie erörtert. In unserem Fall war die Lage sogar so glücklich, dass die Schüler kurz vor dem Besuch der Schulkinovorstellung ein Gespräch mit einem Aussteiger aus der Neonazi-Szene besucht haben. Darüber hinaus hatte ich im Oktober letzten Jahres bereits zur Entstehung und Integrationskraft der rechten Szene einen Vortrag gehalten - insofern waren die Jugendlichen gut präpariert.

Auch dramaturgische Schwächen wurden von den Schülern im Film angemerkt. Es ist aus ihrer Sicht nicht vollkommen nachvollziehbar, dass die Handlung stereotypisch in Ostdeutschland spielen muss. Auch, dass der ältere, programmatische Anführer der Nazi-Gruppe ein Österreicher ist und damit an Adolf Hitler erinnert, wirkte eher ungewollt lustig als eindringlich. Zudem glaubten einige Schüler nicht, dass sich eine ideologisch so stark geprägte Frau durch den Tod des Großvaters und das Auftauchen des afghanischen Jungen „bekehren“ lassen würde. In diesen Punkten konnte ich ihnen durchaus zustimmen.

Auch sahen die Schüler eine Gefahr, was die Gesamtdeutung des Films angeht. Regisseur Wnendt erhielt für sein Werk zwar das Prädikat „besonders wertvoll“, weil er aufklären will, ohne vordergründig pädagogisch zu sein. Dies gelingt dem Film, weil er nicht Partei für eine Seite ergreift, sondern neutral - wenn auch ganz nah am Geschehen - die Handlung erzählt. Allerdings könnte man als Anhänger der rechten Ideologie den Film auch so lesen, dass Marisa am Ende zu Recht den Tod findet - immerhin hat sie die Gruppe verraten, sich nicht der Gruppe und Gemeinschaft untergeordnet und sich nicht in ihre Rolle als Frau gemäß rechtsextremistischer Vorstellung gefügt. Eine inhaltliche und pädagogische Begleitung des Films, vor allem, wenn er im Rahmen des Schulunterrichts eingesetzt wird, ist also notwendig.

Ich möchte ein kleines Fazit versuchen: Der Film wird von Schülern, aber auch von Kollegen, als sehenswert eingestuft. Dramaturgisch-inhaltliche Schwächen sind vorhanden, stellen aber für den Gesamtfilm kein Hindernis dar, sondern bieten Anlass zu weiterführenden Gesprächen. Eine inhaltliche und pädagogische Begleitung des Films, vor allem, wenn er im Rahmen des Schulunterrichts eingesetzt wird, ist aber notwendig, um das Verständnis zu erhöhen und einen Missbrauch zu vermeiden. Insgesamt aber ohne Wenn und Aber ein Film, der in Schule und Unterricht eingesetzt werden sollte.

Avatar - Aufbruch nach Pandora

Freitag, Februar 5th, 2010

James Camerons Avatar bricht seit seinem Kinostart im Dezember alle Rekorde. Mit seinen Gesamteinnahmen von über 2 Mrd. US-Dollar stach Cameron damit gar sein Titanic-Epos aus. Ungeachtet dessen, dass bei der Bewertung seines neuen Films Inflation und Preissteigerungen nicht berücksichtigt wurden, kann man trotzdem davon ausgehen, dass sich Avatar auf lange Sicht als Film-Klassiker etablieren wird.

Die Story ist, glaubt man einigen Filmkritikern, an sich nicht spektakulär und besonders originell: „Im Jahr 2154 sind die Rohstoffvorkommen der Erde erschöpft. Die Menschen haben begonnen, in den Weiten des Alls nach Alternativen zu suchen. Federführend ist der Konzern Resources Development Administration (kurz RDA), ein Raumfahrt-Konsortium, das auf Pandora, einem erdähnlichen Mond eines fiktiven Planeten namens Polyphemus im Sternsystem Alpha Centauri, eine Mine betreibt. Der Abbau des begehrten Rohstoffs Unobtanium erweist sich trotz angeschlossener Militärbasis als schwierig, denn Pandora ist von einer für Menschen giftigen Atmosphäre umgeben und zudem Lebensraum einer intelligenten humanoiden Spezies namens Na’vi.“ (Wikipedia, Zugriff am 5.2.2010). Dass der Konflikt zwischen Mensch und dem außerirdischen Naturvolk nicht lange auf sich warten lässt, ist absehbar.Doch der Schein trügt. Schon beim ersten Sehen des Films drängen sich zahlreiche, tieferliegende Themenkomplexe auf, die in diesem Film verhandelt werden. Dies geschieht, wie das für AV-Medien üblich ist, direkt und indirekt.

(Zeit-)Historischer Kontext:

  • Die ersten Siedler auf dem amerikanischen Kontinent sahen sich, wie auch die Menschen in Avatar mit einer menschlichen, aber unbekannten Spezies konfrontiert. Deshalb ist es wohl kein Zufall, dass die Na’vi im Film sehr einem Indianervolk ähneln.
  • Die Umsiedlung von Menschen (um Ressourcen besser ausschöpfen zu können) ist traurige Realität der Geschichte. Bekannt sich die Vertreibung von Indianerstämmen in bestimmte Ressorts. Ebenso verfährt die chinesische Zentralregierung heute bei Großbauprojekten. Es muss also nicht verwundern, dass Avatar schnell die Propagandabehörde auf den Plan rief.
  • Sinngemäß wird im Film Folgendes geäußert: „Wenn jemand auf etwas sitzt, dass Du haben möchtest, dann erkläre ihn zum Feind und bekämpfe ihn.“ Dieses Zitat erklärt, warum James Cameron angeblich einen tiefen Antiamerikanismus hege: „weil er die Zuschauer die Niederlage amerikanischer Soldaten herbeisehnen lasse.“ (so ein Kommentar im SPIEGEL 2/2010, S. 100). Die USA sehen sich bei ihren militärischen Operationen im Osten (Afghanistan, Irak, etc.) zunehmend der Kritik ausgesetzt, nicht aus humanitären Gründen zu intervenieren, sondern aus wirtschaftlich-politischen Motiven.

Philosophisch-moralischer Kontext:

  • Edle Wilde: Wie schon Jean-Jacques Rousseau in seinem „Discours sur l’inégalité“ erkannt hat, sind Menschen grundsätzlich unverdorbene Naturmenschen, die erst durch ein Zusammentreffen mit der „Kulturgesellschaft“ verrohen. Die Na’vi leben im Einklang mit der Natur, erst das Eintreffen der Menschen und die Ausbeutung der Ressourcen zwingt sie zum Aufstand gegen die Besatzer. Diese Situationen entstanden in realier Welt natürlich primär in Zeiten maximaler Expansionsbestrebungen europäischer Mächte, so z.B. Afrika, Asien, Amerika und im Pazifik, die zur Vereinnahmung der dortigen Kulturen in den Machtbereich der Eroberer führten.
  • Prometheische Schöpfung: Die Menschen schaffen selbst humanoide Na’vis und werden damit zum „second maker“ (Shaftesbury). Dieser Eingriff in die Schöpfungsgeschichte ist immer mit der ethischen Frage nach Verantwortung für die eigenen Schöpfung verbunden. Die Menschen schaffen es in Avatar nicht, ihrer Verantwortung gerecht zu werden.

Intertextualität

  • Jack Sully ist Botschafter zwischen zwei Welten. Dieses Motiv ist bereits aus Disneys „Pocahontas“ oder „Der mit dem Wolf tanzt“ (u.a. mit Kevin Costner) bekannt.
  • Schöpfung eigener Na’vi: Die Bildung anderer Geschöpfe nach mehr oder weniger eigenem Bild ist ein Motiv mit langer Tradition in Literatur- und Filmgeschichte. Der knappe Verweis auf Prometheus und Frankenstein muss an dieser Stelle genügen.
  • Weitere mythologische Verweise liefert Wikipedia im bereits erwähnten Artikel: Der Name des Mondes Pandora (Πανδώρα) stammt aus dem Griechischen und kann mit „Die, die alles hervorbringt“ übersetzt werden. Der Namensgeber des Planeten Polyphemus (Πολυφημος, frei übersetzt „Der Berühmte“) ist in der griechischen Mythologie ein einäugiger Riese. Polyphemus wird ähnlich dem Planeten Jupiter mit seinem charakteristischen augenähnlichen roten Fleck dargestellt.

Wenn Avatar also nun also „kanonbildend“ sein wird, dann muss er ebenfalls seinen Platz in der Filmbildung der Schulen finden. Auch vor dem Hintergrund des sog. Lebensweltbezugs muss es darum gehen, aktiv die Filmlesefähigkeit junger Menschen zu schulen, sozusagen als einer Art ästhetischer Alphabetisierung durch learning by viewing. Natürlich kann man die Auseinandersetzung mit dem Film Avatar auf der Ebene von Camerons technischer Innovationen führen. Interessanter und innovativer ist der Filmeinsatz aber hinsichtlich der oben erörterten Kontexte. Dazu bedarf es nicht viel mehr als einer intensiveren Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Aspekt.